Der Arbeitsmarkt wirkt wie ein Brett, die Luft wird dünner, Krisen überlagern sich global, während sich Wertvorstellungen unauffällig verschieben. Was dabei oft übersehen wird: Psychologisch motivierte Trends bleiben nicht im Privaten. Sie kippen leise in politische Programme. Begriffe wie Achtsamkeit, Mindset oder Resilienz erscheinen neutral, hilfreich, individuell. Doch genau darin liegt ihre gesellschaftliche Sprengkraft. Sie wirken wie ein Beruhigungsprogramm, das Verantwortung systematisch vom Außen ins Innen verschiebt. Ein Streifzug durch die aktuelle Begriffsverwirrung.
Achtsamkeit: Lieber am Selbst arbeiten als an Verhältnissen
Achtsamkeit gilt heute als Standard in Führungskräfteentwicklung und Coaching. Kaum ein Weiterbildungskatalog kommt ohne sie aus. Was einst als Gegenbewegung zur Beschleunigung gedacht war, ist längst Mainstream. Kritische Forschung zeigt jedoch, dass die positiven Effekte keineswegs eindeutig sind. Teilweise führt Achtsamkeit sogar zu mehr Abgrenzung gegenüber dem Außen. Sie kann den Blick nach innen schärfen, aber gleichzeitig das Engagement für Veränderung dämpfen. Die Journalistin und Podcasterin Kathrin Fischer stellt deshalb eine unbequeme Frage: Wie wurden wir zu einer Gesellschaft, die lieber am eigenen Selbst arbeitet als an den Verhältnissen. Achtsamkeit bändigt das Ungestüme, das Veränderung oft erst möglich macht. Man kann nicht gleichzeitig brennen und permanent regulieren. Hören Sie hierzu auch meinen Podcast “Nebenwirkungen von Achtsamkeit”.
Mindset: Normative Ego-Booster
Auch der Mindset-Begriff wirkt harmlos, meint er doch ursprünglich nichts weiter als Einstellung. In seiner populären Verwendung ist er jedoch normativ aufgeladen. „Ändere dein Mindset“ suggeriert gleiche Spielräume für alle, unabhängig von Herkunft, Trauma, Kapital oder Bildung. Damit wird strukturelle Ungleichheit unsichtbar gemacht. Der Achtsamkeitslehrer Jon Kabat-Zinn sah Egoismus und Achtsamkeit als unvereinbar. In der Lifecoaching-Industrie wird dieses Spannungsverhältnis aufgehoben, indem Selbstliebe zum Egobooster wird. Das Ich steht im Zentrum, Probleme werden privatisiert, gesellschaftliche Fragen psychologisiert. Das vermeintlich Apolitische wird politisch hochwirksam.
Resilienz: Verlagerung von Verantwortung ins Private
Resilienz folgt demselben Muster. Statt Arbeitsbedingungen, ökonomische Unsicherheit oder die Folgen von KI-getriebenem Wandel zu adressieren, wird der Umgang des Einzelnen zum Thema. Wer nicht klarkommt, gilt als defizitär. Resilienz wird zum Anpassungsnarrativ, das Unzumutbares normalisiert und Veränderungsdruck neutralisiert. Trotz zahlreicher Studien existiert keine einheitliche Definition. Gerade diese Unschärfe macht den Begriff anschlussfähig für alles und nichts. Dass über individuelle Widerstandskraft gesprochen wird, während strukturelle Antworten auf Automatisierung, Honorarverfall oder Beschleunigung ausbleiben, ist kein Zufall.
Haltung: Moral durch die Hintertür
Mit dem Begriff Haltung kommt schließlich Moral durch die Hintertür ins Spiel. Haltung ist von Beginn an normativ. Sie fordert Selbstverantwortung, Werteorientierung, bewusste Entscheidung. Das ist wichtig, aber gefährlich, wenn jedes Problem zur individuellen Haltungsfrage wird. Dann werden gesellschaftliche Konflikte psychologisiert und das Individuum überlastet. Haltung verliert ihre Kraft, wenn sie nicht mehr ein klares „zu etwas“ ist, sondern zur universellen Erklärung für alles wird.
Selbstoptimierung: Die Klammer für das alles
Die Klammer all dieser Begriffe bildet die Selbstoptimierung. Wer sich optimiert, ist per Definition nie gut genug. Es gibt immer ein Mehr: mehr Gelassenheit, mehr Leistungsfähigkeit, mehr Glück, mehr Langlebigkeit. Dieser permanente Positivitätsdruck destabilisiert das Selbst und erzeugt genau den Stress, den Achtsamkeit, Mindset und Resilienz anschließend wieder abfedern sollen. Ein in sich geschlossenes System, das sich selbst legitimiert.
Und zuletzt: Wer ist verantwortlich für Veränderung?
Veränderung wird heute gern in kleinen Schritten gedacht. Gewohnheiten, Routinen, Mikroanpassungen. Das ist nicht falsch, wenn man auf das Individuum blickt. Aber es greift zu kurz, wenn die systemischen Weichen unangetastet bleiben. Evidenzbasierte Eingriffe wie Handyverbote an Schulen zeigen, dass strukturelle Entscheidungen oft wirksamer sind als jede individuelle Selbstoptimierung. Veränderung gelingt leichter, wenn Rahmenbedingungen stimmen. Dass dieser Gedanke so selten im Vordergrund steht, ist kein Zufall.
Nicht missverstehen: All diese Begriffe sind nicht “falsch”. Sie werden problematisch, wenn sie nicht weitergedacht werden. Wenn sie vom gesellschaftlichen Kontext abgekoppelt und zur privaten Pflicht erklärt werden. Weiterdenken heißt, psychologische Konzepte nicht nur als individuelle Werkzeuge zu betrachten, sondern als Teil eines kulturellen und politischen Systems. Nur dann verlieren sie ihre beruhigende, lähmende Wirkung und gewinnen ihre eigentliche Kraft zurück. Alles wird nicht gut, weil wir uns besser einstellen. Sondern weil wir bereit sind, genauer hinzusehen.
Wer in Personal- und Organisationsentwicklung berät, findet in meiner Akademie der Veränderung Angebote, die helfen, Mitarbeitern wirksame Unterstützung zu bieten.
Dieser Text ist eine gekürzte Version meines Substack-Newsletters Nr. 147
Der Beitrag Achtsamkeit, Mindset, Resilienz: Wie psychologische Trends gesellschaftliche Verantwortung verschieben erschien zuerst auf Svenja Hofert.