Wenn Sie sich gerade beruflich neu orientieren, dann befinden Sie sich vermutlich mitten in einer der unübersichtlichsten Phasen, die Arbeit derzeit zu bieten hat. Vieles von dem, was früher als sichere Entscheidung galt, wirkt heute erstaunlich fragil. Und gleichzeitig entstehen neue Möglichkeiten, die noch kaum jemand wirklich versteht. Wie also sieht eine berufliche Orientierung im Zeitalter der KI aus?
„Am besten wirst du Arzt“ lautete der Titel eines Buches, das ich vor gefühlt einem Jahrhundert geschrieben habe. Ich meinte das ironisch. Damals allerdings verstanden das nur wenige. Heute könnte diese Ironie besser verstoffwechselt werden. Denn dass klassische „Schutzberufe“ ihre Schutzfunktion verlieren, dämmert inzwischen immer mehr Menschen. Arzt, Anwalt, Apotheker haben genauso ihre Schutzfunktion verloren wie MINT.
KI offenbart die Sinnlosigkeit mancher Bullshit-Jobs und von Fakework
Aktuelle Debatten: Was kommt nach der Arbeit?
Wer die aktuellen Debatten über Arbeit verfolgt, bekommt leicht das Gefühl, wir stünden kurz vor einer tektonischen Verschiebung. Auf der einen Seite eine zunehmende Lustlosigkeit vieler Beschäftigter, die Gehalt zunehmend als eine Art Schmerzensgeld verstehen. Verbunden mit Szenarien, in denen künstliche Intelligenz Tätigkeitsfelder überflüssig zu machen scheint. Der Ökonom Joseph Schumpeter beschrieb Kapitalismus einmal als einen Prozess der schöpferischen Zerstörung. Alte Strukturen verschwinden, neue entstehen. Innovation zerstört, um Platz für Neues zu schaffen.
Mehrheit arbeitet im Energiesparmodus
Genau das scheint gerade zu passieren. Nur wissen wir noch nicht genau, was danach kommt.
Die Zahlen des Engagement-Index von Gallup wirken in diesem Zusammenhang wie ein Vorbeben. In Deutschland geben rund 77 Prozent der Beschäftigten an, nur eine schwache emotionale Bindung an ihren Arbeitgeber zu haben. Wirklich engagiert sind gerade einmal neun bis zehn Prozent. Die Mehrheit arbeitet im Energiesparmodus.
Verlust des Wertes von industrieller Arbeit
Immer häufiger wird darüber diskutiert, ob menschliche Arbeit langfristig überhaupt noch denselben ökonomischen Wert haben wird.
Der Internationale Währungsfonds geht davon aus, dass rund 40 Prozent der Arbeitsplätze weltweit von künstlicher Intelligenz beeinflusst werden könnten. Eine aktuelle Studie von Anthropic (siehe Grafik) sieht in vielen Jobs ein KI-Potenzial von annähernd 90%, darunter gerade auch Bürojobs. Besonders betroffen sind ausgerechnet viele hochqualifizierte Tätigkeiten, also jene Berufe, die lange als besonders sicher galten.
Wenn Sie sich gerade neu orientieren, ist das eine irritierende Ausgangslage. Denn viele klassische Ratschläge funktionieren in einer solchen Situation nicht mehr besonders gut.
Was also tun bei der beruflichen Orientierung und Neuorientierung?
1. Hören Sie nicht auf Ihr Umfeld
Zunächst einmal lohnt es sich, Entscheidungen nicht ausschließlich daran auszurichten, was Ihr Umfeld für sinnvoll hält. Familien, Freunde oder Kolleginnen und Kollegen meinen es meist gut. Doch sie orientieren sich häufig an Bildern von Arbeit, die aus einer anderen Zeit stammen. Was früher als vernünftig galt, kann heute schnell seine Grundlage verlieren. Zudem spiegeln sich in den Empfehlungen anderer oft deren eigene Ängste.
2. Orientieren Sie sich an Stärken und Motiven
Eine bessere Orientierung entsteht oft, wenn Sie sich stärker an Ihren eigenen Stärken und Motiven ausrichten. Menschen bleiben langfristig vor allem dort leistungsfähig und zufrieden, wo sie etwas tun, das ihnen entspricht. Fähigkeiten, die sich natürlich entwickeln, haben eine größere Halbwertszeit als Qualifikationen, die lediglich aus strategischen Gründen erworben wurden. Zudem ist es anstrengend, dauernd gegen sich zu arbeiten. Es lohnt also, sich besser kennenzulernen.
3. Gehalt ist nicht der Maßstab
Das bedeutet auch, Gehalt nicht zum alleinigen Maßstab zu machen. Einkommen ist wichtig, keine Frage. Aber es ist ein schlechter Kompass für berufliche Entscheidungen. Wer ausschließlich dem Geld folgt, landet nicht selten in Tätigkeiten, die wenig Resonanz erzeugen und langfristig kaum Entwicklung ermöglichen. Hohe Gehälter bergen oft auch Schmerzensgeld.
4. Entwicklung statt vermeintlicher Planbarkeit
Damit hängt ein weiterer Punkt zusammen: Stellen Sie ihre Entwicklung stärker in den Vordergrund als Planungssicherheit. Es gehört zur Entwicklung dazu, am Anfang weniger zu verdienen. Gerade generalistisch ausgerichtete Profile bauen sich langsam auf. Außerdem ist die Vorstellung, man könne heute eine Entscheidung treffen, die eine stabile berufliche Zukunft für die nächsten dreißig Jahre garantiert, etwas für das Reich der Illusionen. Sinnvoller ist es, sich in Richtungen zu bewegen, in denen Sie wachsen können.
5. Nehmen Sie Zukunftsprognosen nicht allzu ernst
Gleichzeitig lohnt es sich, Zukunftsprognosen mit einer gewissen Gelassenheit zu betrachten. Technologische Vorhersagen sind notorisch unzuverlässig. Viele Entwicklungen kommen langsamer als erwartet, andere ganz anders. Wenn Sie Ihre Entscheidungen ausschließlich an Szenarien ausrichten, die niemand wirklich vorhersagen kann, geraten Sie leicht in eine permanente Unsicherheit.
6. Bauen Sie Lebenskompetenzen auf
Eine stabilere Grundlage entsteht oft durch etwas anderes: Lebenskompetenzen. Dazu gehören die Fähigkeit, mit Unsicherheit umzugehen, Beziehungen zu gestalten, Konflikte auszuhalten, Neues zu lernen und sich selbst zu organisieren. Diese Fähigkeiten verlieren selten an Wert, egal wie sich Technologien oder Branchen verändern. Dazu gehört auch die eigene Ich-Entwicklung und Persönlichkeitsentfaltung. Die braucht Reibung und Herausforderung: Man findet sich erst durch das Leben.
7. Orientieren Sie sich nicht an vermeintlichem Status
Ein weiterer Punkt wird erstaunlich häufig unterschätzt: Status.
Viele berufliche Entscheidungen werden immer noch stark davon beeinflusst, wie ein Beruf von der Familie, von Freunden oder der “Gesellschaft” (bzw. dem Teil, dem man sich zugehörig fühlt) bewertet wird. Doch Status ist ein äußerst bewegliches Konstrukt. Berufe, die heute als prestigeträchtig gelten, können morgen an Bedeutung verlieren. Andere Tätigkeiten gewinnen plötzlich an Anerkennung. Wer seine Orientierung zu stark an solchen äußeren Maßstäben ausrichtet, läuft Gefahr, Entscheidungen zu treffen, die langfristig wenig mit den eigenen Bedürfnissen zu tun haben.
8. Achten Sie auf Passung
Wenn sich die Arbeitswelt tatsächlich so stark verändert, wird ein anderes Prinzip wichtiger: Passung. Passung zwischen Ihren Stärken und den Aufgaben. Passung zwischen Ihren Motiven und Ihrem Alltag. Und Passung zwischen dem Leben, das Sie führen möchten, und der Arbeit, die darin Platz findet. Passung verändert sich: Für einen unsicheren jungen Menschen kann es passend sein, ein stabilisierendes Umfeld zu finden. Später hat er sich aber entfaltet und kann in ganz anderen Feldern Passung finden.
Vielleicht verschwinden tatsächlich einige der Berufe, die früher als besonders sicher galten. Vielleicht entstehen dafür Tätigkeiten, die wir heute noch gar nicht richtig sehen können. Die entscheidende Frage ist dann weniger, welcher Beruf der „richtige“ ist. Entscheidend ist vielmehr, ob Sie sich selbst gut genug kennen, um Wege zu erkennen, die zu Ihnen passen.
Oder, um es mit einem Augenzwinkern zu sagen: Der beste Rat ist heute nicht mehr „Werde Arzt“, sondern werde du selbst und wirke.
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Der Beitrag Berufliche Orientierung im KI-Zeitalter: 8 Tipps erschien zuerst auf Svenja Hofert.